Reaktionäres im linken Gewand

Wie ein Psychologieprofessor dem Publikum erklärt, dass wir im Totalitarismus leben

Köln, Mitte Juli 2018. Seit Wochen ächzt die Stadt unter einer Hitzewelle, die immer weiteren Höhepunkten entgegenstrebt. Nichts verlockt mich, die schützende Wohnung zu verlassen. Es ist eine der Gelegenheiten, etwas zu lesen oder sich anzuschauen, wofür ich sonst nicht die Zeit oder Geduld aufbringe.

Meine Wahl fällt auf den Vortrag des emeritierten Kieler Professors Rainer Mausfeld im Rahmen des  28. Pleisweiler Gesprächs am 22. Oktober 2017: ‚Wie sich die „verwirrte Herde“ auf Kurs halten lässt: Neue Wege der „Stabilitätssicherung“ im autoritären Neoliberalismus‘. Das Youtube-Video war mir als ein Beispiel fundierter Medienkritik empfohlen worden. Das Manuskript dazu kann man auch auf den „Nachdenkseiten“ nachlesen.

Screenshot Nachdenkseiten

Gleich zu Beginn des Vortrags erfahren wir, mit wem wir es zu tun haben: der MACHT. Nicht die dunkle Macht des Star-Wars-Universums, auch nicht Sauron aus dem Herrn der Ringe, sondern die MACHT. In den letzten Jahrzehnten habe es dabei im Rahmen des Neoliberalismus eine Entwicklung in Richtung autoritärer, wenn nicht gar totalitärer Herrschaftsformen gegeben.

Die Deutungsrahmen Autoritarismus und Totalitarismus sind damit aktiviert, wie sehr sich die Formulierungen im Vortrag auch drehen und winden. Die Vokabel „Totalitarismus“ bzw. „totalitär“ wiederholt Mausfeld im Vortrag noch 20 Mal. Die folgenden mehr als zwei Stunden nutzt er zu einem Reigen nie enden wollender Zitate und historischer Beispiele, die belegen sollen, dass die Demokratie durch die Konterrevolution der MACHT abgeschafft und die Öffentlichkeit komplett manipuliert wird. Die Triebkraft dahinter ist der Neoliberalismus, vor allem in Person der amerikanischen Großkonzerne. Seinen Siegeszug hat der Neoliberalismus unter dem Vorzeichen der Globalisierung angetreten. „‚Globalisierung‘ heißt eigentlich, eine globale Verteilung, sozusagen eine Reorganisation der Macht amerikanischer Konzerne.“

Auf Belege für den Totalitarismus unseres politischen Systems warte ich vergeblich. Dass es viele Beispiele gibt, wie Journalisten die Realität verfälscht darstellen, wie selbst ernannte Vordenker demokratische Prinzipien infrage stellen oder wie die Exekutive versucht, sich Macht zu sichern, die ihr nicht zusteht – das ist mir nicht neu. Aber wie soll ich daraus schließen, dass ich nicht  in einer Gesellschaft mit vielfältigen widerstrebenden Kräften, sondern unter einer autoritären, ja totalitären Herrschaftsform lebe? An einer Stelle des Vortrags, nämlich als Mausfeld erwähnt, dass ein Mittel der Herrschaftssicherung die Erzeugung von Existenzangst und die Disziplinierung der Arbeitslosen sei, hätte man entsprechende Studien als Beleg zitieren können. Mausfeld lässt mich hier aber hungern. Auch bringt er keine Erklärungen dafür, über welche Mechanismen unsere Massenmedien von den Eliten gesteuert werden.  Mausfeld zählt auf, welche Wege seiner Meinung nach die MACHT zur Sicherung ihrer Stabilität nutzt – liefert aber keine Kriterien für seinen Befund des Totalitarismus. Auch für aktuell diskutierte Gefährdungen individueller Freiheit wie die zunehmende kommunikative Vernetzung aller Lebensbereiche und die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz ist in seinem Vortrag kein Platz. Stattdessen wird der Vortrag gewürzt mit Seitenhieben auf die Geschichte der USA und Israels, um die Zuhörer bei Laune zu halten. Und dann hält Mausfeld noch eine Pointe bereit, die vom Publikum offensichtlich goutiert wird: „Fake News“ ist doppelt gemoppelt. Denn „News“ = „Fake“. Trump lässt grüßen. Und auch Pegida.

Im Verlauf des Vortrags wird der Zuschauer weiter endlos weichgekocht mit Zitaten und Beispielen für die Niedertracht der Konterrevolution. Dazwischen streut Mausfeld immer wieder den Namen des Feindes ein:  der  Neoliberalismus.  Als Psychologe versteht Mausfeld sein Metier. Nach einer zweistündigen Führung durch  die Schreckenskammern und über die Abgründe der kapitalistischen Gesellschaft, hält er für das (gebeutelte?) Publikum eine Art erlösender Botschaft bereit:  Es gibt Hoffnung. Diese besteht in sozialen Kämpfen. Mein Gehirn schweift ab, weil ich mir vorstellen will, wie diese sozialen Kämpfe auszusehen haben.

Das Publikum lauscht ruhig und konzentriert. Wer zu den Pleisweiler Gesprächen kommt, gehört möglicherweise schon zu einer Gemeinschaft der Gläubigen (frage ich mich). Ich jedenfalls fühle mich an der Nase herumgeführt. Für die wiederholt vorgetragene Behauptung von einem neuen (nach Sheldon Wolin unsichtbaren) Totalitarismus erhalte ich keine Belege oder auch nur aussagekräftige Indizien. Es ist eben alles unsichtbar. Oder wie mein Vater, ein frommer Katholik, zu sagen pflegte: Geheimnis des Glaubens.

Bewertung: Unter dem Vorwand und im Stile eines sachkundigen Vortrags wird dem Zuhörer eine schrill marktschreierische ideologische Botschaft übermittelt. Diese ist herrisch, illiberal und extremisierend. Sie zielt nicht auf notwendige Kritik und Reform, sondern auf die Delegitimierung der liberalen repräsentativen Demokratie. Indirekt und ungewollt vermittelt das Video aber auch Erkenntnisse über die Begründung von Rechtspopulismus und Verschwörungstheorien.

Am folgenden Tag schmökere ich noch einmal in Mausfelds bevorzugtem Veröffentlichungsorgan, den NachDenkSeiten. Immer wieder stoße ich auf Artikel zu Russland. Kritik an Russland, die Erwähnung von Demokratiedefiziten und Repressionen, wird als westliche Kriegstreiberei gewertet. Autoritäre Herrschaftsformen mit Gleichschaltung der Presse, Aushebelung der Gewaltenteilung? Alles nur Verleumdung. Annexion der Krim? Nur eine friedliche Separation. Unterdrückung der Schwulen? Denen geht's doch gut. Gottlob bleibt zumindest der Russe vom menschenverachtenden Liberalismus verschont. Da braucht sich Professor Mausfeld keine Sorgen zu machen.
Am 27. Juli 2018 stehe ich abends auf der Deutzer Brücke, um wie auch viele andere Schaulustige die Mondfinsternis, den sogenannten "Blutmond" zu beobachten. Ich komme mit einem neben mir stehenden chinesischen Staatsbürger ins Gespräch. Er erzählt mir von den massiv zunehmenden Repressionen und immer perfekterer sozialer Kontrolle in seiner Heimat, von Leuten, die wegen geringfügiger regierungskritischer Äußerungen ihre berufliche Existenz verlieren oder die abgeholt und nie mehr gesehen werden. Ich berichte ihm davon, dass es Autoren gebe, die auch hier in Deutschland totalitäre Herrschaftsformen zu identifizieren meinen, wenn auch diese nur unsichtbar seien. Der Chinese versteht mich nicht, vielleicht ist es ja auch ein sprachliches Problem. 
Später fällt mir ein, dass früher in meiner Familie öfter davon berichtet wurde, wie in der Nazizeit im Dorf mal der eine oder andere "abgeholt" wurde. Ich denke, ich habe einen Begriff davon, was Totalitarismus ist und habe nicht vor, mir diesbezüglich den Verstand verwirren zu lassen.
"Wir haben daher allen Grund, mit dem Wort "totalitär" sparsam und vorsichtig umzugehen." (Hannah Arendt, S. 636)

Zum Thema:

Jan-Werner Müller: Was ist Populismus? – Ein Essay, Frankfurt 2016 (=> Darstellung des populistischen Diskurses)

Arendt, Hannah: Element und Ursprünge totaler Herrschaft. München/Berlin 2016 (Piper) (=> Standardwerk über Totalitarismus)

Kai Strittmatter: Die Neuerfindung der Diktatur, München 2018 (=> Entwicklung in China)