Meine Cancel Culture

Raus aus meinem Wohnzimmer!

Am 23. April 2021 wurde eine Website mit dem Titel „allesdichtmachen“ veröffentlicht, die kurze Videoclips von über 50 Schauspielern präsentierte; die Seite nahm Bezug auf die aktuelle Coronapolitik der Regierung(en) und die Darstellung in den Medien. In einem Tonfall, der satirisch wirken sollte, sprechen die Darsteller Statements aus, die an bekannte Narrative der rechten Szene und der „Querdenker“ anschließen und den Kampf gegen die Pandemie ins Lächerliche ziehen.  In äffenden Posen werden vulnerable Menschen, die sich zu schützen versuchen, als dämliche Untertanen verspottet. In dem markantesten Clip dieses „Kunstwerks“ ist zu sehen, wie der Schauspieler Richy Müller parodierend abwechselnd in zwei verschiedene Plastiktüren ein- und ausatmet. Mittlerweile ist dieser Clip wieder gelöscht, und der Schauspieler erklärt, sich dabei nichts gedacht zu haben; er habe es einfach nur witzig gefunden. Gelöscht ist mittlerweile auch das abscheuliche Atemübungs-Video von Katharina Schlothauer.  Gegenwärtiger Stand der Pandemie ist, dass einige Tausend Menschen mit Atemnot auf deutschen Intensivstationen um ihr Leben ringen. Die Nachrichtensendungen bringen täglich Berichte aus Indien, wo in etlichen Städten die Sauerstoffvorräte ausgegangen sind und die Menschen massenhaft ersticken. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sich deutsche Schausteller bei diesen Bildern auf ihren Sofas vor Vergnügen auf die Schenkel klopfen, angesichts von so viel Witzischkeit.

Satire, auch wenn sie als geschmacklos empfunden wird, ist durch die Kunstfreiheit gedeckt. Das gilt auch für die Aktion #allesdichtmachen, auch wenn es hier weniger um Satire als vielmehr um ein gewöhnliches Nach-unten-treten geht. Es ist mir zwar freigestellt, mich vor Ekel zu krümmen und den Akteuren und Autoren Eiterbeulen ans Gesäß zu wünschen. Nicht legitim ist es aber, in einem solchen Fall die Keule der Cancel Culture hervorzuholen, wie es der WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin (SPD) getan hat.MJK 68332 Jan-Josel Liefers (Berlinale 2020) Dieser forderte, dass die Zusammenarbeit mit Schauspielern, die an der Aktion teilgenommen hatten, beendet werden solle. Als Duin bemerkte, dass er sich damit vergaloppiert hatte, zog er diese Forderung eilig zurück. In einem solchen Falle reicht Zurückrudern aber nicht. Wer so wenig von seiner Rolle in der offenen freien Gesellschaft versteht, ist in der Funktion als Rundfunkrat untragbar und sollte, wenn er es mit seiner Zerknirschtheit wirklich ernst meint, den Job abgeben.
Die deutschen Seriendarsteller, die in den Videoclips so prägnant ihr Niveau unter Beweis stellen, kann ich nur ermutigen: Weiter so, jeder soll es sehen! Zeigt, was ihr drauf habt! Auch wenn ihr ab jetzt über Monate und Jahre versuchen solltet, euch ein soziales Image zu geben –  diese eine Minute kaltschnäuziger Menschenverachtung wird euch auf Schritt und Tritt folgen. Das Internet vergisst nicht.

Die Entrüstung im Internet und anderen Medien schlägt aber weiterhin hohe Wellen und viele der Akteure der Aktion haben inzwischen ihre Beiträge wieder löschen lassen. Einige Prominente beklagen auch, dass die Beteiligten zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt würden. Was aber soll man erwarten, wenn man sich von notorischen  „Querdenkern“ (Bernd K. Wunder, Dietrich Brüggemann, Volker Bruch u.a.) für eine von langer Hand orchestrierte Aktion einspannen lässt? Natürlich sind die meisten hier vertretenen Künstler nicht explizit „rechts“, sondern Teil einer gutsituierten, sich linksalternativ gebärdenden Schickeria, die gerne mal auf das niedere Volk spuckt. Hans-Georg Maaßen (2012) Begeistert von der Aktion zeigen sich Vertreter der AfD, rechter Medien sowie der notorische, unermüdliche Hans-Georg Maaßen. Von „links“ stimmen die diktatorenfreundliche Desinformationsmaschine „Nachdenkseiten“ und andere alternative Medien mit ein. Die versammelte Querfront („Freie Linke“) sozusagen. Wenn mir die Feinde der offenen Gesellschaft geschlossen applaudieren, muss ich mir dann nicht Gedanken machen? Die Unterstützer der Aktion geben sich unschuldig naiv. Es gehe nur darum, einen Diskurs anzustoßen. Als ob die Corona-Eindämmungsmaßnahmen bisher noch nicht in der Öffentlichkeit diskutiert worden seien. Der Regisseur Dietrich Brüggemann, ein ausgewiesener „Querdenker„, der einen wesentlichen Anteil an der Inszenierung hat, geht da, als verfolgende Unschuld, weiter in die Offensive: Für die Reaktionen auf das Machwerk bemüht er Vokabeln wie „Lynchmob“, „bellen“ und „faschistoid“. So viel zu der hehren Absicht, einen Diskurs anzustoßen. Angesichts der empörten Reaktionen auf die Aktion sehen viele Kommentatoren die Meinungsfreiheit in Gefahr. Es geht ihnen dabei nicht um Meinungsfreiheit im Sinne des Grundgesetzes, sondern um eine Meinungsfreiheit im stalinistischen Sinne: dass nämlich die Angehörigen einer privilegierten Schicht ein Recht darauf haben, keinen Widerspruch zu erfahren.

Cancel Culture im Sinne einer Art Berufsverbot für Brüggemann, Liefers und Co. hielte ich aber nicht nur für illegitim, sondern auch absolut verheerend für unsere demokratische Kultur.  Für mich als Privatmensch sieht die Sache aber anders aus. Tatsächlich praktiziere ich schon seit sehr langer Zeit gegenüber all diesen Stars, Sternchen und Darstellern meine eigene private Cancel Culture: Ich schaue schon seit Langem keine deutschen Serien und Filme mehr, keinen Tatort, keine Vorabendserien, keine Telenovela. Von den Mitmachern der #allesdichtmachen-Aktion war mir daher kaum jemand ein Begriff. In meiner Wohnung haben sie alle Hausverbot. Ich mag nicht die Ausdünstung von Mief und Biederkeit in deutschen Serien, und die gestelzte Sprache à la Courths-Mahler schmerzt in meinen Ohren. Während skandinavische, französische und amerikanische Serien und Filme international große Erfolge feiern, will den spießigen Müll aus deutschen Landen, von Ausnahmen abgesehen, kaum irgendwo jemand sehen. Es mag sein, dass ich damit hin und wieder einer sehenswerten Produktion Unrecht tue. Unrecht tue ich möglicherweise auch einzelnen Schauspielern, die Niveau haben. Aber zu Hause in meinem Wohnzimmer bin ich der Souverän.


Nachtrag: Gestern war Oscar-Nacht. Die wundervolle Frances McDormand und Anthony Hopkins haben die Preise als beste Hauptdarsteller bekommen. Das sind Schauspieler! Wow!

https://www.tagesspiegel.de/kultur/filmbranche-und-querdenker-das-netzwerk-hinter-allesdichtmachen/27149604.html

https://taz.de/Die-Wahrheit/!5766353/

https://www.br.de/kultur/allesdichtmachen-warum-die-ironie-eine-taeuschung-ist-100.html

https://www.zeit.de/kultur/2021-04/allesdichtmachen-videos-social-media-shitstorm-corona-massnahmen-generalverdacht-10vor8/seite-2

‚https://www.blog-der-republik.de/nicht-so-wehleidig-herr-liefers/

https://netzpolitik.org/2021/allesdichtmachen-initiator-volker-bruch-stellte-mitgliedsantrag-bei-querdenker-partei-babylon-berlin/

‚https://www.volksverpetzer.de/aufklarer/brueggemann-allesdichtmachen/

https://netzpolitik.org/2021/allesdichtmachen-auf-die-fresse/

https://oeffentlicher-dienst-news.de/allesdichtmachen-youtube-video-schauspieler-liefers/

https://www.n-tv.de/mediathek/magazine/timeline/allesdichtmachen-erst-gucken-wer-dahintersteckt-article22516524.html

https://www.berliner-zeitung.de/gesundheit-oekologie/allesdichtmachen-was-haben-sich-die-schauspieler-nur-dabei-gedacht-li.156789

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