Der Holocaust-Gedenktag

International Holocaust Remembrance Day / Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust

Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee befreit. Der Europarat und die Vereinten Nationen haben den 27. Januar als Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust (International Holocaust Remembrance Day) eingeführt. An diesem Tag wird des Holocausts und der Befreiung des Konzentrationslagers gedacht.

Stolperstein Else Liebermann von Wahlendorf Berlin Budapester StrasseVor meiner Haustür befindet sich ein „Stolperstein“; ein Kölner Künstler lässt seit Jahren solche messingfarbenen Pflastersteine in die Bürgersteige ein, um die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten. Kürzlich bin ich beim Einkaufen am Eigelstein über zwei Steine mit den Namen zweier Brüder „gestolpert“, die als junge Erwachsene abgeholt wurden und nie mehr zurückkamen. Ich versuchte mir vorzustellen, aus was für einem Leben sie herausgerissen wurden. Was für eine Ausbildung hatten sie durchlaufen, womit verdienten sie ihren Lebensunterhalt? Wie sahen sie aus, hatten sie Liebesbeziehungen? Wie konnte es passieren, dass aus unserer Nachbarschaft massenhaft Menschen abgeführt und ermordet wurden – nur deshalb, weil sie Objekt gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit waren? Wenn nichts, was sie getan oder unterlassen haben, etwas dazu tut.

Antisemitismus ist bis heute ein Gradmesser für die Bereitschaft einer Person oder einer Gesellschaft zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Am Ausmaß des Antisemitismus lässt sich ermessen, wie hoch die generelle Bereitschaft ist, Gruppen von Menschen pauschal auszugrenzen und anzugreifen.  Welche Bevölkerungsgruppen wären nach den Juden an der Reihe gewesen, wenn die Nazis nicht den Krieg verloren hätten? Oder glaubt jemand allen Ernstes, die Nazis hätten die Vernichtungsmaschine wieder abgebaut, wenn der letzte Jude getötet worden wäre? Nachdem große Teile der Bevölkerung als Mitwisser und Mittäter eingeschworen worden waren? Im Dritten Reich ermöglichte es die antisemitische Propaganda, dass unter Duldung der Bevölkerungsmehrheit eine Minderheit aller Besitztümer beraubt werden konnte. Da das Dritte Reich auf einer Beuteökonomie aufbaute, mussten danach die Raubzüge und damit die Massenmorde weitergehen, vor allem in den besetzten Ländern; gestoppt wurden sie nur durch den militärischen Sieg der Alliierten.

Die Erinnerung an den Holocaust gebietet uns der Respekt von den Toten, den Überlebenden und den Angehörigen. Erinnerungskultur bedeutet aber mehr: Einschneidende, prägende historische Gegebenheiten sind Teil des Gedächtnisses einer Nation. Der Dreißigjährige Krieg ist eine historischen Katastrophe, die bis heute bewusst oder unbewusst das Gedächtnis der Deutschen prägt. Die Erinnerung an den Holocaust wie auch an den Dreißigjährigen Krieg hält das Bewusstsein dafür wach, wozu entfesselte menschliche Destruktivität imstande ist. Zu einem intakten Bewusstsein gehört darüber hinaus die Erinnerung an die konkreten Ursachen und den einzigartigen Charakter dieser Katastrophen. Laut einer CNN-Erhebung wissen 40 Prozent der jungen Deutschen nach eigener Einschätzung kaum etwas über den Holocaust. Die letzten Überlebenden, die Augenzeugenberichte liefern könnten, sterben aus. Gruppierungen, die völkisches Gedankengut predigen, werden in der Öffentlichkeit sichtbarer. Menschen die keine oder nur wenige „Gedächtniszellen“ im Körper haben, werden für Infektionen anfällig. Deshalb brauchen wir eine Gedächtniskultur.


Zum Thema:

Rede von Götz aly im Thüringer Landtag

Der Text ist das Manuskript der Rede, die der Historiker Götz Aly am 25. Januar im thüringischen Landtag zum 74. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau hielt. Aly erinnerte daran, dass das NS-Regime auch von Teilen der kulturellen und intellektuellen Elite des Landes mitgetragen wurde. Selbst Menschen, die aus sozialistischen Elternhäusern stammten, seien im Laufe des Krieges von der NS-Ideologie durchdrungen worden. Auch diese Menschen seien Teil Deutschlands und der deutschen Geschichte. Das dürfe nicht vergessen werden (MDR ).

Redetext:
https://www.berliner-zeitung.de/politik/meinung/holocaust-gedenken-goetz-alys-rede-zum-74–jahrestag-der-befreiung-von-auschwitz–31934946

Video:
https://www.mdr.de/thueringen/video-269040.html

Nachtrag: Der Link zum Video mit der Aly-Rede funktioniert nicht mehr. Das Video ist auch sonst nirgendwo mehr zu finden. Danke, MDR.

Rede von Saul Friedländer im Bundestag

Am 31.01.2019 erinnerte der Holocaust-Überlebende Saul Friedländer im Bundestag an die Opfer. Er warnte vor erneut zunehmendem Antisemitismus. Zuerst las er aus Tagebucheinträgen und Zeitungsartikeln von Anfang der 40er-Jahre vor. Belege, dass die Deutschen wussten, was mit den Juden passierte. Friedländer selbst war sechs Jahre alt, als er und seine Eltern vor den Nationalsozialisten von Prag aus nach Frankreich flüchteten. Während er in einem katholischen Internat versteckt wurde, versuchten seine Eltern den beschwerlichen Weg über die Alpen in die Schweiz (Tagesschau 31.01.2019).

Redetext:
https://www.bundestag.de/blob/589874/ed581dd9d12f653d8802cbb360b76c05/kw05_nachbericht_gedenkstunde_friedlaender-data.pdf 

Video:
https://www.youtube.com/watch?v=Ejc3apj30Zkhttps://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2019/kw05-nachbericht-gedenkstunde/589230


Film | Als die Nazis an die Macht kamen