Incel

Mann oder Montur

Bild gruene Kampfmontur im Karneval
Karneval am Heumarkt

Heute sind mir im Kölner Straßenkarneval immer wieder Gruppen junger Männer in grünen Kampfmonturen aufgefallen. Verkleidungen, die den Uniformen von Soldaten, Polizisten und ähnlichen Berufsgruppen nachempfunden sind, gehören neben dem Clown, der Kuh, dem Matrosen und der Nonne zu den häufigsten Motiven.

Unwillkürlich musste ich an Bilder von dem Anschlag in Halle denken, die in  den  letzten  Wochen ständig durch die Medien gingen. An die grüne Kampfuniform des Attentäters, der versuchte, die Pose eines Kämpfers in einem Computerspiel nachzuahmen. Bevor der Täter zwei Zufallsopfer erschoss, hatte er versucht, in die Synagoge einzudringen und die Besucher des Jom-Kippur-Festes zu massakrieren.

Stephan B. war ein Verlierertyp, wie viele rechtsextreme oder islamistische Attentäter. In seiner eigenen Wahrnehmung war er ein „Loser“ und ein „NEET“. Die Schuld dafür suchte er  bei anderen, bei den Juden und vor allem bei den Frauen. Intel-logo Denn er war ein „incel“ (involuntary celibate – nicht zu verwechseln mit dem Chiphersteller „intel“). Das ist eine weltmännisch klingende Bezeichnung für Typen, die bei Frauen nicht landen können. Viele rechtsextremistische Mörder waren zuallererst Antifeministen und Frauenhasser. Das gilt für den Attentäter von Toronto ebenso wie den von Utøya oder Christchurch. Umgekehrt gilt für die rechte Szene: Es herrscht ein dramatischer Frauenmangel. Man möge sich nur im Fernsehen und im Internet Bilder von den Aufmärschen der extremen Rechten ansehen: Da sieht man nur wenige Frauen. Die Damen sind wählerisch, verständlicherweise.

Ob Stephan B. der „incel„-Subkultur aktiv angehörte ist nicht bekannt. Man weiß aber, dass er unter seinem geringen „mate value“ (Paarungswert) litt und dafür Frauen die Schuld gab. Durch einen Anschlag auf die jüdische Gemeinde glaubte er, in der rechten Gamerszene zum Helden aufsteigen zu können. Fehlgeleitete Männlichkeitsbilder und gesellschaftliches Statusdenken zu hinterfragen, kam ihm wohl nicht in den Sinn.

In der Karnevalssession ist es in Köln kalt, meistens auch nass. Kampfmonturen sind im Straßenkarneval die ideale Verkleidung, um ausdauernd feiern zu können und das nicht mit einer Erkältung büßen zu müssen. Manch einer spekuliert dabei wohl darauf, mit einer schneidigen Erscheinung bei Frauen Eindruck zu machen. Manch einer legt es auch darauf an, damit einen leckeren Kerl zu angeln. So ist das in Köln.

 


Links

https://de.wikipedia.org/wiki/Incel

 

Antifeminismus: Soldaten im Kampf gegen den Untergang des Abendlandes

https://www.tagesschau.de/investigativ/panorama/frauenhass-rechtsextremismus-101.html  Feminismus als Feindbild

https://www.adl.org/resources/reports/when-women-are-the-enemy-the-intersection-of-misogyny-and-white-supremacy

https://www.bild.de/ratgeber/2019/ratgeber/neonazi-von-halle-war-er-anhaenger-der-incel-bewegung-65253854.bild.html

 

Redpilling

Rechte Szene auf Pille

The Matrix is everywhere

Anwerber der internationalen Neuen Rechten benutzen gern eine Metapher aus dem Film „The Matrix“, um Sympathisanten klar zu machen, dass sie in einer vom „politisch-medial-gesellschaftlichen Komplex“ produzierten Scheinwelt lebten. The.Matrix.glmatrix.2Im Film erklärt Morpheus, der Anführer einer Widerstandsgruppe, dem Helden des Films, Neo, dass die Welt, in der er zu leben glaubt, lediglich eine Simulation ist, er nur ein gefangener Sklave in dieser computergenerierten Traumwelt, der „Matrix“, sei, und bietet ihm die Befreiung daraus an. Er stellt ihn vor die Wahl, durch Einnahme einer blauen Pille wieder in sein bisheriges Leben zurückzukehren oder durch Einnahme einer roten Pille die Wahrheit über die Matrix zu erfahren. Neo entscheidet sich für die rote Pille und erwacht nach einer kurzen Prozedur in der Realität. (Wikipedia).
In einer Veröffentlichung der „Identitären“ wird das „Redpilling“ folgendermaßen angepriesen: Die „rote Pille“ zu schlucken, bedeutet ein unsanftes Erwachen aus vertrauten Illusionen und flächendeckend verbreiteten Lügen; es bedeutet aber in der Folge auch einen Zugewinn an Erkenntnis, Souveränität und Freiheit. (Lichtmesz/Sommerfeldt S. 206)

Verschwörungstheorien

Wenn rechte Medien die Aufnahme von über einer Million Geflüchteter um das Jahr 2015 herum anprangern,  so setzen sie diese in  den Kontext des „großen Austauschs„, einer Verschwörungstheorie, nach der die Motivation für die Offenhaltung der Grenzen ein  von  den „globalistischen“ Eliten von  langer Hand geplanter Bevölkerungsaustausch sei. Berichte und Bilder von den Bürgerkriegsregionen, vom Terror des IS und des Assad-Regimes sowie den sich verschärfenden Notlagen in den Flüchtlingslagern werden als Fluchtursachen ebenso ausgeblendet wie die Situation in  Afghanistan. Auch die Bedeutung wirtschaftlicher und technologischer Veränderungen für die Entstehung von Migration hat keine Rolle zu spielen. Jede Art von Realitätsbetrachtung wird überlagert durch das Verschwörungsdenken.
Wer einmal die rote Pille geschluckt hat, wird meist für  ein ganzes Bündel von Verschwörungstheorien aufnahmebereit. Je wahnhafter diese Theorien sind, desto mehr Bindungskraft entwickeln sie für die Szene. Ein Klassiker des Genres ist die jüdische Weltverschwörung,  die über die Jahrhunderte in immer neuen Variationen aufgelegt wird. Sie dient als Super-Verschwörungstheorie, von der sich eine Vielzahl einzelner Verschwörungen ableiten lässt. Die aktuell gängige Form dieser Theorie inszeniert den ungarisch-amerikanischen Milliardär George Soros als Drahtzieher der großen weltweiten Migrationsbewegungen.

Wissenschaftsleugnung

Dem wahrscheinlich drängendsten Problem der Gegenwart, dem Klimawandel,  begegnet die rechte Szene ebenfalls mit radikaler Realitätsverweigerung. Die übereinstimmenden Ergebnisse aller wissenschaftlich arbeitenden Klimainstitute weltweit werden ignoriert. An die Stelle der Rezeption wissenschaftlicher Beweise tritt die  Behauptung, es gebe keinen Klimawandel; der klimapolitische Sprecher der AfD, Rainer Kraft, versteigt sich sogar zu der Aussage, einen Treibhauseffekt durch die erderwärmende Wirkung von Kohlendioxid gebe es gar nicht. Wenn Rechte zugeben, dass es doch Anzeichen für einen Klimawandel gibt, so behaupten sie, dieser stehe nicht in Bezug zu menschlicher Aktivität. Weiterhin spielt es in  den politischen Darstellungen der Rechten keine Rolle, dass aufgrund der  Veränderung des Weltklimas eine weitere Verschärfung von Fluchtursachen stattfinden wird („Klimaflüchtlinge“). Eine wissenschaftliche Betrachtung dieser Krise würde nur dem Verschwörerdenken Abbruch tun.
Die Ablehnung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse kann so weit gehen, dass in Schulen die Evolutionstheorie verboten wird (USA, Türkei). Auch in der Kampagnen von Impfgegnern mischen Vertreter rechter Szenen kräftig mit.

Völkischer Nationalismus

Da die bunten Pillen – zumindest vorübergehend – zu einem veränderten Ich-Erleben verhelfen, sind sie besonders attraktiv für Menschen mit einem verminderten Selbstwertgefühl. Völkischer Nationalismus ist ein traditionell bewährtes Mittel, um individuelle Minderwertigkeitsgefühle zu  kompensieren. Identitäre Bewegung Die Neue Rechte (z. B.  die „Identitäre Bewegung“)  verzichtet auf die historisch diskreditierten Begriffe von Rasse und Ariertum. Alte Inhalte werden jetzt mit modern und tolerant klingenden Vokabeln wie „Ethnopluralismus“ transportiert. Statt „Endlösung“ und „ethnischer Säuberung“ spricht man vornehm von „Remigration“.
Da viele Protagonisten der rechten Szene – an ihren Namen erkennbar – nicht „autochthon“ deutsch sind, versuche ich mir vorzustellen, wie sie aufgrund dieser Erkenntnis die Koffer packen  und in ihre osteuropäischen „Heimatländer“ remigrieren.
Eine weitere Schwierigkeit stellen die heute möglichen Gentests dar. Für stramm rechte Akteure können sich aus einem Testergebnis schwierige Drahtseilakte ergeben (Ebner S. 21 ff). Man stelle sich vor, Hitler, Goebbels und Himmler  hätten sich einer Genanalyse unterzogen.
Die Jünger der roten Pille halten indes unbeirrt am Konzept der Remigration fest. Die Folgen für die händeringend um Arbeitskräfte werbende altersschwache deutsche Gesellschaft mag man sich nicht ausmalen, ganz abzusehen von der Brutalität, die erforderlich  wäre, um einen solchen Plan durchzuführen. Wer aber die rote Pille geschluckt hat und in der Realität der rechten Szene lebt, mag darin ein ganz und gar schlüssiges Konzept sehen.

Vorsicht vor Wahrheitsdealern

Ich rate dringend, weder die rote noch die blaue Pille zu schlucken. Auch nicht die grüne, gelbe, runde, drei- oder rechteckige oder was sonst man auf dem  Schulhof und in der Disko dealt. Es gibt viele Fälle von instabilen Naturen, die durch  bedenkenlosen Konsum  von Wahrheitspillen dauerhaft psychotisch geworden sind. Die Phasen von gesteigertem Selbstwertgefühl und emotionalem Überschwang werden teuer mit chronischem Realitätsverlust bezahlt.
Besonders schwer wiegen die Nebenwirkungen der roten Pille: wahnhafte Verschwörungsvorstellungen, völkische Überlegenheitsphantasien und Entfremdung von der materiellen Realität bis hin zur Wissenschaftsleugnung.

 


Quellen:

Lichtmesz (eigentlich: Semlitsch), Martin und Sommerfeld, Caroline: Mit Linken leben, Schnellroda 2017 (Antaios)

Ebner, Julia: Radikalisierungsmaschinen, Berlin 2019 (Suhrkamp Nova)


Rechte Cyberkultur: „Red Pill“ und „Blue Pill“ – Was ist das?

https://www.adl.org/blog/the-extremist-medicine-cabinet-a-guide-to-online-pills

 

 

 

Frauenfeindlich

Es ist schon gut ein Jahr her,  da spottete ich über die damalige SPD-Vorsitzende Andrea Nahles,  sie wirke wie ein entlaufener Zirkusclown. Es war nicht nur eine Anspielung auf ihr Äußeres, sondern vor allem auch auf eine Reihe öffentlicher Auftritte, die ich als clownesk empfand. Solange Nahles noch Arbeits- und Sozialministerin war und sich in dieser Funktion als fleißig und kompetent profilierte, wäre ich auf einen solchen Vergleich nicht gekommen. Frauenfeindlich weiterlesen

Mit Rechten reden

Über das Zusammenleben mit Rechten

Ein Freund erzählte mir, er lese gerade ein Buch mit dem  Titel „mit Rechten reden“. Neugierig geworden, besorgte ich mir das Buch, fand es dann aber für meine Zwecke nicht sehr hilfreich; meine Erwartung war, ich würde erfahren, wie die Autoren mit Rechten reden, unmittelbar von Mensch zu Mensch. Stattdessen bezieht sich das Buch im Wesentlichen auf die Auseinandersetzung zwischen „Rechts“ und „Nicht-Rechts“ auf einer publizistischen Ebene. Mit Rechten reden weiterlesen

Staatliches Unrecht

Hiller tract against Paragraph 175Heute vor 25 Jahren, am 11. Juni 1994 wurde der „Schwulen-Paragraf“ § 175 abgeschafft. Der Paragraf stammte noch aus der Kaiserzeit und wurde von den Nazis erheblich verschärft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Nazi-Version von der jungen Bundesrepublik übernommen. In den folgenden drei Jahrzehnten wurden ca. 64.000 Männer auf der Grundlage dieses Paragrafen angeklagt. Es wurden Lebensläufe zerstört und Menschen psychisch gebrochen. Dieses staatliche Unrecht gehört zu den dunklen Flecken in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Im Jahr 2009 gab es in Deutschland eine lebhafte Diskussion über die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei. Die DDR erfüllte in der Tat nicht die Kriterien für einen Rechtsstaat wie die Wahrung der Grundrechte, die Gewaltenteilung und Schutz vor staatlicher Willkür. Andererseits machten viele ehemalige DDR-Bürger geltend, dass mit einer Bezeichnung der DDR als Unrechtsstaat auch ihre Lebensläufe disqualifiziert würden.

Ich frage mich, wie man die ersten 45 Jahre der Bundesrepublik bezeichnen soll. War die alte Bundesrepublik ein Unrechtsstaat? Man kann nicht die auf dem Boden des Grundgesetzes im Wesentlichen gut funktionierende westdeutsche Demokratie mit der SED-Diktatur vergleichen. Aber es macht mich zornig zu sehen, wie vor allem Vertreter der konservativen Seite immer wieder vollmundig die DDR als Unrechtsstaat titulieren und dabei unter den Tisch fallen lassen, wie in der BRD zigtausendfach auf der Grundlage einer Nazi-Gesetzes Menschen- und Bürgerrechte mit Füßen getreten wurden. Es waren gerade die Konservativen und die Kirchen, die diese Praxis stützten.

Das Internet mit seinen vielen Kanälen existierte seinerzeit noch nicht, und es konnte noch kein Youtuber mit blauen Haaren die „Zerstörung der CDU“ besingen. Allein die Missstände um den Paragrafen 175 hätten dazu Grund genug gegeben. Rückblickend auf diese Zeit kann ich die auch heute noch geführte Diskussion um den Begriff „Unrechtsstaat“ nur als heuchlerisch bezeichnen. Ich möchte die alte Bundesrepublik nicht als Unrechtsstaat bezeichnen. Sie war aber eine Republik mit eklatantem staatlichen Unrecht.


https://www.tagesschau.de/inland/paragraf-175-101.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsgeltung