Sokal zum Quadrat

Wissenschaft auf Abwegen

Alan Sokal
Alan Sokal
Im Jahr 1996 veröffentlichte der Physiker Alan Sokal in der sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift Social Text einen Hoax-Artikel, der in postmodernem Jargon die Quantengravitation als sprachliches und soziales Konstrukt erklärte. In diesen Artikel hatte Sokal absichtlich eine ganze Reihe logischer Fehler eingebaut. Der Text wurde ohne Gegenprüfung durch Physikexperten von der Redaktion veröffentlicht. Es folgte eine öffentliche Debatte über die intellektuellen Standards bei der Bewertung „wissenschaftlicher“ Artikel im Bereich der Gesellschafts- und Geisteswissenschaften, bekannt auch als Sokal-Affäre.

Von der „Sokal affair“ zur „Grievance Studies affair“

PeterBoghossian
Peter Boghossian
In den Jahren 2017 und 2018 haben die amerikanischen Wissenschaftler Peter Boghossian, James Lindsay,  und Helen Pluckrose unter wechselnden Pseudonymen bei akademischen Zeitschriften 20 Hoax-Artikel eingereicht, die sich auf den Bereich der Grievance Studies (Studien zu „gesellschaftlichen Missständen“) bezogen. Sieben von diesen Artikeln wurden angenommen. Darunter war eine Studie über eine angeblich in Parkanlagen beobachtete Vergewaltigungskultur bei Hunden (Human reactions to rape culture and queer performativity at urban dog parks in Portland, Oregon), veröffentlicht im Fachblatt Gender Place & Culture, und weitere Texte mit ähnlich bizarrem Inhalt. Aufgedeckt wurde der Schwindel durch das Wallstreet Journal, worauf die Autoren mit ihrer Aktion an die Öffentlichkeit gingen. Der Skandal wurde bekannt als Sokal Squared oder auch als „Grievance Studies affair“.

Reaktionen

Die University of Portland zeigte sich wenig dankbar für die wissenschaftskritischen Beiträge der Autoren. Sie leitete gegen Peter Boghossian eine Untersuchung wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens (scientific misconduct) forschungsethischer Art ein. Ein Kommentator der New York Times führte die Missstände auf die Hyper-Spezialisierung in den Geisteswissenschaften zurück. In Deutschland bereiteten die den Gender Studies gegenüber ablehnend eingestellten rechten Medien den Skandal genüsslich auf (Neue Freiheit Nr. 8/19). Bürgerliche und linke Medien wie die FAZ und Der Freitag verwiesen darauf, dass Fälle mangelnder wissenschaftlicher Überprüfung nicht nur in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften, sondern auch in den „harten“ Disziplinen vorgekommen seien.

Die Verdienste der Nestbeschmutzer

In Zeiten von Fake News und postfaktischer Politik kommt wissenschaftlicher Belegbarkeit eine besondere Bedeutung zu. Rechte Populisten streiten Forschungsergebnisse zum Weltklima ab, manche sogar die Ergebnisse der Evolutionsbiologie. Umso größer ist die Bedeutung wissenschaftlicher Verlässlichkeit und umso verdienstvoller sind die Aktivitäten von „Nestbeschmutzern“ von Sokal bis Boghossian. Dass ideologischer Übereifer in Gender Studies und Identitätspolitik an den Universitäten oft bizarre Blüten treibt, ist kein Argument gegen Gender Studies an sich. Es gilt aber für den Wissenschaftsbetrieb wie auch für die mediale Berichterstattung: Die Beglaubigung von Behauptungen allein durch eine angenommene ideologische Korrektheit schadet der offenen Gesellschaft, ganz gleich ob dies auf der rechten, der liberalen oder der linken Seite des Spektrums praktiziert wird.


Zum Thema:

https://www.sueddeutsche.de/wissen/gendertheorie-maenner-in-ketten-1.4157366

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/sozialer-konstruktivismus-forschungsstreich-in-den-usa-a-1231820.html

# https://areomagazine.com/2018/09/25/identity-politics-does-not-continue-the-work-of-the-civil-rights-movements/