Wessen Heimat ist Deutschland?

Der Duden definiert Heimat folgendermaßen: Land, Landesteil oder Ort, in dem man [geboren und] aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt (oft als gefühlsbetonter Ausdruck enger Verbundenheit gegenüber einer bestimmten Gegend).

Am intensivsten erfahre ich Heimat im Kiez, in der näheren Umgebung. In meinem Beitrag geht es aber um Deutschland als Heimat. Ein Land, eine Nation als Heimat kann viele Aspekte aufweisen: Staatsangehörigkeit, Wirtschaftseinheit, nationale Identität, Zugehörigkeit, Sprache und vieles mehr. Für mich gehört zur Heimat auch eine Leitkultur, wie sie der Politikwissenschaftler Bassam Tibi fordert: Roemerberggespraeche-12-2016-bassam-tibi-904eine säkulare wertebezogene Hausordnung. Zu den Grundlagen einer solchen Leitkultur gehört eine Verfassung, die Respekt vor der Menschenwürde als oberstes Prinzip nennt und die „Geschäftsordnung“ für eine funktionierende Demokratie liefert.

Im 19. Jahrhundert hat der im Pariser Exil lebende Dichter Heinrich Heine seine Einstellung zur Heimat Deutschland so beschrieben: Pflanzt die schwarzrotgoldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben. Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland ebensosehr wie ihr.(=>Link S. 2) Für Heine war der Begriff der Heimat eng an den der Freiheit geknüpft. Er bewahrte sich zwar im Exil eine starke Verbundenheit gegenüber Deutschland; wegen der politischen Repression konnte er dort aber nicht zu Hause sein.

Heute ist Deutschland nicht nur wegen seiner Wirtschaftskraft ein attraktives Einwanderungsland. Es kommen auch Menschen nach Deutschland, um politischer Unterdrückung zu entkommen und in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft neu Fuß zu fassen. So wird Deutschland für viele zur zweiten Heimat. Zur Aneignung der Heimat kann es dann auch gehören, dass Eingewanderte in die Geschichte, die Narrative und die Sprache der neuen Heimat hineinwachsen. Gleichzeitig bringen sie ein Moment der Veränderung in die Heimat der Alteingesessenen ein.

Seit 2018 hat Deutschland ein Heimatministerium. BMI Logo 2018Der neu ernannte Heimatminister beeilte sich sogleich festzustellen, der Islam gehöre nicht zu Deutschland (eine Behauptung die faktisch genauso sinnlos ist wie die Beteuerung, der Islam gehöre zu Deutschland). Einwanderern aus islamischen Ländern wurde damit erst einmal gleich gezeigt, wo der Hammer hängt. Es folgte die publikumswirksam inszenierte Anordnung des bayerischen Ministerpräsidenten, in allen Landesbehörden ein Kreuz aufzuhängen. In der Manier eines Vampirfilms soll das bedrohliche Fremde abgewehrt werden. Eine Abschreckung, die nicht nur gegen Einwanderer wirkt, sondern auch gegen einen großen Teil der „autochtonen“ Bevölkerung, von der ein beträchtlicher Teil säkularisiert ist. Heimatpolitik mutiert zu einer Strategie, möglichst vielen Bevölkerungsgruppen die Heimat abzusprechen.

Rabiater noch kapern Rechtspopulisten und -extremisten den Heimatbegriff. Hier ist „Heimat“ ebenso wie „Volk“ ein Kampfbegriff, mit dem unerwünschte Bevölkerungsgruppen ausgeschlossen werden sollen. Das Handwerk der Rechten besteht darin, Spaltkeile in das Gemeinwesen zu treiben. Gegen die Okkupation des Begriffs Heimat durch extreme Gruppen haben die Vertreter der liberalen Gesellschaft bisher keine wirksamen Gegenstrategien entwickelt. Cover des Buchs HaymatlandEin lesenswertes Buch zum Thema hat Dunja Hayali geschrieben: Haymatland. Wie wollen wir zusammenleben? Sie erzählt aus ihrer eigenen Biographie, wie sie es erlebt, wenn selbsternannte Heimatschützer diesen Begriff als Chiffre für Ausgrenzung missbrauchen.

Rechte Hassprediger begeben sich entschieden außerhalb der von Tibi geforderten Leitkultur. Sie erfüllen ein wichtiges Kriterium nicht. Heimat ist aber ein vielschichtiger Begriff. Für die Verbundenheit mit einem Ort oder Land muss man nicht alle Kriterien erfüllen. Ich nehme an, dass viele Rechte über das Bedürfnis nach Selbstaufwertung und Abgrenzung hinaus sehr wohl auch eine reale emotionale Heimatbindung haben. Ich kann ihnen also die Heimat nicht absprechen, so wie auch die Versuche der Rechten, definierten gesellschaftlichen Gruppen wie Muslimen, Juden, Roma, Linken, Schwulen usw. die Heimat abzuerkennen, ins Leere laufen müssen. Ein sinnvoller Heimatbegriff lässt sich nur aufrechterhalten, wenn man nicht von einer homogenen, sondern einer pluralisierten Gesellschaft ausgeht.

Mein Heimatgefühl für Deutschland ist daran geknüpft, dass ich die Gesellschaft als tolerant und pluralistisch wahrnehme. In dem Maße, wie Nationalismus und Intoleranz um sich greifen, beginne ich zu fremdeln.

Europa ist eine Heimat, die in den letzten Jahren starken Anfechtungen ausgesetzt ist. Europa ist mehr als ein Kontinent, es ist eine Vielfalt an Nationen, Regionen und Ethnien, die im Laufe der Jahrzehnte näher zueinander gerückt sind. Europa ist das Versprechen zunächst von Frieden, Wohlstand und Sozialstaat, dann auch von einer liberalen offenen Gesellschaft. Das Versprechen beinhaltet auch weniger Nationalismus und eine Stärkung der Regionen. Vieles davon wurde nicht eingehalten, aber dennoch hat Europa es weit gebracht, wenn man es vergleicht mit anderen Regionen der Erde – selbst wenn man einräumen muss, dass die europäische Zivilisation auch auf Kosten anderer Gesellschaften gebaut wurde.

Die blaue Europafahne spricht mich emotional mehr an als das deutsche Schwarz-Rot-Gold, welches allzu oft von Gruppen in Beschlag genommen wird, die versuchen, uns die Heimat abspenstig zu machen. Das Projekt Europa ist für mich Heimat ganz im Sinne der Duden-Definition: gefühlsbetonter Ausdruck enger Verbundenheit.

Flag of Europe

 

Paveier: Heimat es, wo du nit abseits stehs