Frauenfeindlich

Es ist schon gut ein Jahr her,  da spottete ich über die damalige SPD-Vorsitzende Andrea Nahles,  sie wirke wie ein entlaufener Zirkusclown. Es war nicht nur eine Anspielung auf ihr Äußeres, sondern vor allem auch auf eine Reihe öffentlicher Auftritte, die ich als clownesk empfand. Solange Nahles noch Arbeits- und Sozialministerin war und sich in dieser Funktion als fleißig und kompetent profilierte, wäre ich auf einen solchen Vergleich nicht gekommen.

Meine  Bemerkungen über Andrea Nahles wurden im weiteren Bekanntenkreis weitererzählt. Als ich hörte,  man  habe diese als frauenfeindlich kommentiert, 2019-02-05 Andrea Nahles-4936war ich erst amüsiert, dann aber beschloss ich aber, keine Witze mehr über Nahles zu machen. Es war kein Zurückweichen vor einer Form der politischen Korrektheit. Natürlich darf man Frauen nicht nur kritisieren sondern auch über sie spotten. Es gibt keinen Grund, Frauen taktvoller zu behandeln als Männer.  Mich begann jedoch zu  diesem Zeitpunkt die Tatsache zu beschäftigen, dass Frauen im Netz – und nicht nur dort – ungleich abfälliger behandelt werden als Männer. Und ich wollte nicht mit in diese Bresche schlagen.

Von Hassbotschaften, die an Journalistinnen wie Dunja Hayali und Anja  Reschke, an Politikerinnen wie Claudia Roth, Katharina Schulze oder Renate Künast gerichtet werden, wird in regelmäßigen Abständen berichtet. Meistens sind Frauen betroffen, die dem linken oder grünen Lager zugerechnet werden. Besonders inbrünstig wird aktuell die 16-jährige Greta Thunberg gehasst. Aber auch nicht politisch tätige Frauen des öffentlichen Lebens können zur Zielscheibe sexistischer Attacken werden, wie im Falle von Natascha Kampusch. Wenn man die Wortwahl der Texte und die weiteren im Kontext gemachten Aussagen bewertet, kommt man unschwer zu dem Ergebnis, dass die „Hater“ in der Regel Männer sind und politisch rechts stehen. Die Wortwahl ist meistens unflätig und gewürzt mit sexistischen Anspielungen, mit Mord- und Vergewaltigungsphantasien.

Wenn die Exzesse, die vollkommene Enthemmung im Sprachgebrauch auf eine rechte Gesinnung hindeuten, so ist die Neigung, Frauen mit besonders abfälligen Schmähungen zu bedenken, kein reines Privileg der Rechten. „Die Merkelnutte“, „Merkel die Verbrecherin“ und ähnliche Vokabeln kenne ich durchaus auch  aus dem Wortschatz linker Zeitgenossen. LibérationIm Februar dieses Jahres wurde in Paris enthüllt, dass hinter einem  jahrelang betriebenen  System  von Cybermobbing gegen Frauen, vor allem  gegen feministische Autorinnen, eine Gruppe stand,  in der sich zuvorderst Journalisten der linksalternativen Tageszeitung „Libération“ hervorgetan hatten.

„Frauenfeindlich“ ist als Begriff abgegriffen. Er kam schon vor Jahrzehnten in Mode und wurde gerne und häufig als Keule in der Auseinandersetzung hervorgezogen,  zu Recht und auch zu Unrecht. Wie alle inflationär verwendeten Vokabeln, verlor auch das Wort „frauenfeindlich“ mit der Zeit seine Kraft. Für die obszönen Verbalattacken gegen Frauen aus der Deckung des Internets heraus kenne ich kein angemessenes Adjektiv. „Frauenfeindlich“ wäre mir zu schwach;  zu eklig und zu verstörend sind diese feigen Angriffe. Ich liebe die Polemik und spotte viel, gern auch über Frauen. Zurzeit vergeht mir aber das Lachen. Alles hat einen richtigen und einen falschen Zeitpunkt, einen richtigen und einen falschen Kontext. Ich möchte nicht noch Wasser auf die Mühlen der Mobber gießen.


Links

https://hateaid.org/ Wir sind HateAid.Wir helfen Menschen bei digitalem Hass.

Über uns / Netzcourage – the hatespeech ambulance / #netzcourage

 

 

Mit Rechten reden

Über das Zusammenleben mit Rechten

Ein Freund erzählte mir, er lese gerade ein Buch mit dem  Titel „mit Rechten reden“. Neugierig geworden, besorgte ich mir das Buch, fand es dann aber für meine Zwecke nicht sehr hilfreich; meine Erwartung war, ich würde erfahren, wie die Autoren mit Rechten reden, unmittelbar von Mensch zu Mensch. Stattdessen bezieht sich das Buch im Wesentlichen auf die Auseinandersetzung zwischen „Rechts“ und „Nicht-Rechts“ auf einer publizistischen Ebene. Mit Rechten reden weiterlesen

Staatliches Unrecht

Hiller tract against Paragraph 175Heute vor 25 Jahren, am 11. Juni 1994 wurde der „Schwulen-Paragraf“ § 175 abgeschafft. Der Paragraf stammte noch aus der Kaiserzeit und wurde von den Nazis erheblich verschärft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Nazi-Version von der jungen Bundesrepublik übernommen. In den folgenden drei Jahrzehnten wurden ca. 64.000 Männer auf der Grundlage dieses Paragrafen angeklagt. Es wurden Lebensläufe zerstört und Menschen psychisch gebrochen. Dieses staatliche Unrecht gehört zu den dunklen Flecken in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Im Jahr 2009 gab es in Deutschland eine lebhafte Diskussion über die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei. Die DDR erfüllte in der Tat nicht die Kriterien für einen Rechtsstaat wie die Wahrung der Grundrechte, die Gewaltenteilung und Schutz vor staatlicher Willkür. Andererseits machten viele ehemalige DDR-Bürger geltend, dass mit einer Bezeichnung der DDR als Unrechtsstaat auch ihre Lebensläufe disqualifiziert würden.

Ich frage mich, wie man die ersten 45 Jahre der Bundesrepublik bezeichnen soll. War die alte Bundesrepublik ein Unrechtsstaat? Man kann nicht die auf dem Boden des Grundgesetzes im Wesentlichen gut funktionierende westdeutsche Demokratie mit der SED-Diktatur vergleichen. Aber es macht mich zornig zu sehen, wie vor allem Vertreter der konservativen Seite immer wieder vollmundig die DDR als Unrechtsstaat titulieren und dabei unter den Tisch fallen lassen, wie in der BRD zigtausendfach auf der Grundlage einer Nazi-Gesetzes Menschen- und Bürgerrechte mit Füßen getreten wurden. Es waren gerade die Konservativen und die Kirchen, die diese Praxis stützten.

Das Internet mit seinen vielen Kanälen existierte seinerzeit noch nicht, und es konnte noch kein Youtuber mit blauen Haaren die „Zerstörung der CDU“ besingen. Allein die Missstände um den Paragrafen 175 hätten dazu Grund genug gegeben. Rückblickend auf diese Zeit kann ich die auch heute noch geführte Diskussion um den Begriff „Unrechtsstaat“ nur als heuchlerisch bezeichnen. Ich möchte die alte Bundesrepublik nicht als Unrechtsstaat bezeichnen. Sie war aber eine Republik mit eklatantem staatlichen Unrecht.


https://www.tagesschau.de/inland/paragraf-175-101.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsgeltung

Abendland

Wie man im Namen des Abendlandes dem Westen den Krieg erklärt

Wenn ich als Kind das Wort „Abendland“ hörte, klang es romantisch in meinen Ohren. Das Wort evozierte Bilder von einer heimeligen Landschaft mit Kirchtürmen, Burgen in der Abendsonne und Anklängen an alte Rittersagen.  Abendland weiterlesen