Adelung durch Herkunft

Ein Facebook für die Lebenden und die Toten

Vom TV-Moderator Ilja Richter wird berichtet, dass er auf den Versuch, ihn als schwul zu outen, berlinerisch-souverän reagiert habe mit den Worten: "Dit adelt".

Dezember 2019. Auf dem  privaten Nachrichtenkanal N-TV laufen täglich Werbespots für den DNA-Test-Anbieter MyHeritage.  Das israelische Startup lockt mit einem „DNA-Festtagsangebot“ von 38% Rabatt. Ihre DNA offenbart Ihr Large MyHeritage logoeinzigartiges Erbgut — die ethnischen Gruppen und geographischen Regionen, aus denen Sie stammen. Seitdem derartige Gentests für den Normalbürger bezahlbar wurden, erfreuen sich solche Angebote einer wachsenden Popularität, insbesondere im Zusammenhang mit Ahnenforschung.

Auch in der rechten Szene gibt es ein großes Interesse an solchen Tests. Für die Anhänger völkischer deutschnationaler Ideologie liegt darin gleichermaßen eine Verlockung wie auch ein enormes Risiko – sind doch gerade wir Deutsche ein besonders munteres Völkergemisch, und ein  Gentest wird in den meisten Fällen Behauptungen über ethnische Reinheit mit der nüchternen Realität unserer genetischen Abstammung konfrontieren. Viele Gruppierungen der politischen Rechten haben in den letzten Jahren schon darauf reagiert, indem sie als Ausgrenzungskriterium gegen Minderheiten nicht mehr die völkische Abstammung heranziehen, sondern andere Kriterien für das „Fremde“, zum Beispiel den Islam.

In meiner Familie wurde immer erzählt, dass sowohl die väterliche wie auch die mütterliche Linie über 200 Jahre hinweg immer nur hier im Westen ansässige Bauern und Schmiede gewesen seien. Extrem bodenständig also. Von einer verstorbenen Tante habe ich sogar eine Art Ariernachweis aus der Zeit des Dritten Reiches geerbt. Meine Großmutter von der anderen Seite der Familie hatte wiederum einen Mädchennamen, der aus dem Niederländischen eingedeutscht worden war. Ich erzählte dies einem niederländischen Bekannten. Dieser meinte, es handele sich um einen in den Niederlanden geläufigen jüdischen Namen. Das würde mich adeln, finde ich.

Ich bestelle mir also im Internet das DNA-Kit und aktiviere nach dessen Zustellung mein Profil bei MyHeritage. Bei einem gemütlichen Videoabend erzähle ich einem Freund davon, der sich nach kurzem Schwanken ebenfalls für die Idee begeistert. Er hatte von seinem verstorbenen Vater unbestimmte Andeutungen gehört, dass es einen Familienstrang von Fahrendem Volk gegeben habe. Möglicherweise Sinti bzw. Roma. Damit wäre auch er geadelt. Außerdem könnte sich dann mein Kumpel mit einem gewissen Recht als Arier bezeichnen. Denn im Gegensatz zu den Fiktionen, welche die Nazis und ihre Vorläufer uns auf die Nase binden wollten, sind die einzigen echten, in Mitteleuropa beheimateten Arier die Roma, auch wenn diese, soviel ich weiß, auf ein solches Prädikat keinen Wert legen.

Am folgenden Sonntag treffe ich mich mit einem befreundeten Ehepaar. Sie erzählen, dass sie beide bei MyHeritage den Test gemacht haben. Er erfährt, dass er laut Test zu 30 % Aschkenasi, also mittel- oder osteuropäischer Jude ist. Ich sage, jetzt sei er geadelt. Schwerer trifft es seine Frau. Sie ist mit Leib und Seele Schottin. Der schlaue Gentest sagt, sie sei zu 90 % Engländerin. Das ist eher kein Adelsprädikat, sondern ziemlich „gewöhnlich“, wie man hier im Rheinland sagt. Außerdem erhalten die beiden jetzt immer wieder Meldungen von MyHeritage über irgendwelche genetischen Übereinstimmungen mit anderen Usern. Offensichtlich wird hier eine Art Facebook generiert, das nicht nur die Lebenden sondern auch die Verstorbenen  umfasst.

Januar 2020. An einem Samstagmorgen erhalte ich die Benachrichtigung, dass mein Ergebnis da sei. Die DNA-Analyse bestätigt die Familienerzählungen von der besonderen Bodenständigkeit meiner Vorfahren. Ich bin zu 92,4 % West-/Nordeuropäer, habe also meine Vorfahren in einer Gegend, die dem früheren Frankenreich entspricht. Zu 6,3 % bin ich Skandinavier. In einer E-Mail berichte ich einer norwegischen Freundin davon, als Anekdote. Die Wikinger haben seinerzeit überall im „christlichen Abendland“ nicht nur Angst und Schrecken verbreitet, sondern auch ihre Gene. Spannender ist der Befund, ich sei zu 1,3 % Orientale, mit einer Herkunft aus dem Nahen Osten. Das sind Menschen, die wir landläufig als Araber bezeichnen. Reicht das aus, um mich zu adeln? Wohl eher nicht. Wie ich mich kenne, werde ich aber bei der einen oder anderen  Gelegenheit damit prahlen. Werde ich jetzt der verbreiteten Muslimenfeindlichkeit zum Opfer fallen? Auch nicht. Ich sehe überhaupt nicht südländisch aus, sondern eher „fränkisch“.

Vielleicht sollte ich zu einem späteren Zeitpunkt einmal eine DNA-Analyse von einem anderen Anbieter vornehmen lassen. Zum Vergleich. Bis dahin freue ich mich diebisch über jeden Rassisten, der erfährt, dass unter seinen Vorfahren Aschkenasi, Roma, Afrikaner, Araber oder irgendwelche als „Untermenschen“ klasssifizierten Osteuropäer sind. Es gibt aber auch Autoren, die befürchten, dass Ethnizitätstests biologisch definierte Vorstellungen von Rasse und Ethnizität neu hervorbringen statt diese zu kritisieren. Tatsächlich ist es noch zu früh zu bewerten, ob diese Tests geeignet sind, rassistisches Denken zu verunsichern oder ob sie als Grundlage für ein modernisiertes völkisches Denken mit neuartigen Ausschließungskriterien dienen werden.

Die wichtigste Frage beantwortet der DNA-Test nicht, nämlich die Frage, wes Geistes Kind ich bin. Von welcher Qualität ist die weiß-graue Masse unter meiner Schädeldecke? Sind die Neuronen so verschaltet, dass ich in die Lage versetzt werde, mich mit der materiellen Wirklichkeit auseinanderzusetzen? Oder gibt es da tiefe braune Löcher, um die mit Beinahe-Lichtgeschwindigkeit wahnhafte Gaswolken herumwirbeln? Bin ich anderen Menschen ein Helfer oder bin ich ein Soziopath? In meinem Bemühen um Selbsterkenntnis hilft die Genanalyse leider nicht weiter.


Links

https://www.myheritage.de/

https://geschichtedergegenwart.ch/biologisierter-antirassismus-wie-dna-ethnizitaetstests-ein-falsches-verstaendnis-des-modernen-rassismus-reproduzieren/

https://blog.zeit.de/freitext/2018/02/11/migration-speicheltest-braslavsky/

https://www.heise.de/newsticker/meldung/The-Liking-Dead-Bald-mehr-Tote-als-Lebende-auf-Facebook-4409582.html

 

 

Incel

Mann oder Montur

Bild gruene Kampfmontur im Karneval
Karneval am Heumarkt

Heute sind mir im Kölner Straßenkarneval (11.11.) immer wieder Gruppen junger Männer in grünen Kampfmonturen aufgefallen. Verkleidungen, die den Uniformen von Soldaten, Polizisten und ähnlichen Berufsgruppen nachempfunden sind, gehören neben dem Clown, der Kuh, dem Matrosen und der Nonne zu den häufigsten Motiven.

Unwillkürlich musste ich an Bilder von dem Anschlag in Halle denken, die in  den  letzten  Wochen ständig durch die Medien gingen. An die grüne Kampfuniform des Attentäters, der versuchte, die Pose eines Kämpfers in einem Computerspiel nachzuahmen. Bevor der Täter zwei Zufallsopfer erschoss, hatte er versucht, in die Synagoge einzudringen und die Besucher des Jom-Kippur-Festes zu massakrieren.

Stephan B. war ein Verlierertyp, wie viele rechtsextreme oder islamistische Attentäter. In seiner eigenen Wahrnehmung war er ein „Loser“ und ein „NEET“, der noch bei seiner Mutter lebte. Die Schuld dafür suchte er  bei anderen, bei den Juden und vor allem bei den Frauen. Intel-logo Denn er war ein „incel“ (involuntary celibate – nicht zu verwechseln mit dem Chiphersteller „intel“). Das ist eine weltmännisch klingende Bezeichnung für Typen, die bei Frauen nicht landen können. Viele rechtsextremistische Mörder waren zuallererst Antifeministen und Frauenhasser. Das gilt für den Attentäter von Toronto ebenso wie den von Utøya oder Christchurch. Umgekehrt gilt für die rechte Szene: Es herrscht ein dramatischer Frauenmangel. Man möge sich nur im Fernsehen und im Internet Bilder von den Aufmärschen der extremen Rechten ansehen: Da sieht man nur wenige Frauen. Die Damen sind wählerisch, verständlicherweise.

Ob Stephan B. der „incel„-Subkultur aktiv angehörte ist nicht bekannt. Man weiß aber, dass er unter seinem geringen „mate value“ (Paarungswert) litt und dafür Frauen die Schuld gab. Durch einen Anschlag auf die jüdische Gemeinde glaubte er, in der rechten Gamerszene zum Helden aufsteigen zu können. Fehlgeleitete Männlichkeitsbilder und gesellschaftliches Statusdenken zu hinterfragen, kam ihm wohl nicht in den Sinn.

In der Karnevalssession ist es in Köln kalt, meistens auch nass. Kampfmonturen sind im Straßenkarneval die ideale Verkleidung, um ausdauernd feiern zu können und das nicht mit einer Erkältung büßen zu müssen. Manch einer spekuliert dabei wohl darauf, mit einer schneidigen Erscheinung bei Frauen Eindruck zu machen. Manch einer legt es auch darauf an, damit einen leckeren Kerl zu angeln. So ist das in Köln.


Nachtrag 20.02.2020
Als ich am heutigen Weiberfastnacht morgens das Frühstücksfernsehen anmachte, beherrschte die Meldung über den Terroranschlag auf die Besucher zweier Shisha-Bars in Hanau die Berichterstattung. Der Täter ist anscheinend auch ein "incel", der ein Problem mit Frauen hatte und noch bei seinen Eltern lebte. Im Anschluss an die Tat erschoss er seine Mutter und sich selbst.

Links

https://www.sueddeutsche.de/politik/tobias-r-frauenhass-rechtsextreme-1.4809396?referrer=push

https://de.wikipedia.org/wiki/Incel

 

Antifeminismus: Soldaten im Kampf gegen den Untergang des Abendlandes

https://www.tagesschau.de/investigativ/panorama/frauenhass-rechtsextremismus-101.html  Feminismus als Feindbild

https://www.adl.org/resources/reports/when-women-are-the-enemy-the-intersection-of-misogyny-and-white-supremacy

https://www.bild.de/ratgeber/2019/ratgeber/neonazi-von-halle-war-er-anhaenger-der-incel-bewegung-65253854.bild.html

 

Redpilling

Rechte Szene auf Pille

The Matrix is everywhere

Anwerber der internationalen Neuen Rechten benutzen gern eine Metapher aus dem Film „The Matrix“, um Sympathisanten klar zu machen, dass sie in einer vom „politisch-medial-gesellschaftlichen Komplex“ produzierten Scheinwelt lebten. The.Matrix.glmatrix.2 Redpilling weiterlesen

Frauenfeindlich

Es ist schon gut ein Jahr her,  da spottete ich über die damalige SPD-Vorsitzende Andrea Nahles,  sie wirke wie ein entlaufener Zirkusclown. Es war nicht nur eine Anspielung auf ihr Äußeres, sondern vor allem auch auf eine Reihe öffentlicher Auftritte, die ich als clownesk empfand. Solange Nahles noch Arbeits- und Sozialministerin war und sich in dieser Funktion als fleißig und kompetent profilierte, wäre ich auf einen solchen Vergleich nicht gekommen. Frauenfeindlich weiterlesen

Mit Rechten reden

Über das Zusammenleben mit Rechten

Ein Freund erzählte mir, er lese gerade ein Buch mit dem  Titel „mit Rechten reden“. Neugierig geworden, besorgte ich mir das Buch, fand es dann aber für meine Zwecke nicht sehr hilfreich; meine Erwartung war, ich würde erfahren, wie die Autoren mit Rechten reden, unmittelbar von Mensch zu Mensch. Stattdessen bezieht sich das Buch im Wesentlichen auf die Auseinandersetzung zwischen „Rechts“ und „Nicht-Rechts“ auf einer publizistischen Ebene. Mit Rechten reden weiterlesen

Staatliches Unrecht

Hiller tract against Paragraph 175Heute vor 25 Jahren, am 11. Juni 1994 wurde der „Schwulen-Paragraf“ § 175 abgeschafft. Der Paragraf stammte noch aus der Kaiserzeit und wurde von den Nazis erheblich verschärft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Nazi-Version von der jungen Bundesrepublik übernommen. In den folgenden drei Jahrzehnten wurden ca. 64.000 Männer auf der Grundlage dieses Paragrafen angeklagt. Es wurden Lebensläufe zerstört und Menschen psychisch gebrochen. Dieses staatliche Unrecht gehört zu den dunklen Flecken in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Im Jahr 2009 gab es in Deutschland eine lebhafte Diskussion über die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei. Die DDR erfüllte in der Tat nicht die Kriterien für einen Rechtsstaat wie die Wahrung der Grundrechte, die Gewaltenteilung und Schutz vor staatlicher Willkür. Andererseits machten viele ehemalige DDR-Bürger geltend, dass mit einer Bezeichnung der DDR als Unrechtsstaat auch ihre Lebensläufe disqualifiziert würden.

Ich frage mich, wie man die ersten 45 Jahre der Bundesrepublik bezeichnen soll. War die alte Bundesrepublik ein Unrechtsstaat? Man kann nicht die auf dem Boden des Grundgesetzes im Wesentlichen gut funktionierende westdeutsche Demokratie mit der SED-Diktatur vergleichen. Aber es macht mich zornig zu sehen, wie vor allem Vertreter der konservativen Seite immer wieder vollmundig die DDR als Unrechtsstaat titulieren und dabei unter den Tisch fallen lassen, wie in der BRD zigtausendfach auf der Grundlage einer Nazi-Gesetzes Menschen- und Bürgerrechte mit Füßen getreten wurden. Es waren gerade die Konservativen und die Kirchen, die diese Praxis stützten.

Das Internet mit seinen vielen Kanälen existierte seinerzeit noch nicht, und es konnte noch kein Youtuber mit blauen Haaren die „Zerstörung der CDU“ besingen. Allein die Missstände um den Paragrafen 175 hätten dazu Grund genug gegeben. Rückblickend auf diese Zeit kann ich die auch heute noch geführte Diskussion um den Begriff „Unrechtsstaat“ nur als heuchlerisch bezeichnen. Ich möchte die alte Bundesrepublik nicht als Unrechtsstaat bezeichnen. Sie war aber eine Republik mit eklatantem staatlichen Unrecht.


https://www.tagesschau.de/inland/paragraf-175-101.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsgeltung