Sahra und wie sie die Welt sieht

Linksliberalismus und Lifestyle-Linke

2018-06-09 Bundesparteitag Die Linke 2018 in Leipzig by Sandro Halank–126Im Frühjahr 2021 gelang Sahra Wagenknecht wieder ein großer Bestseller: Unter dem Buchtitel „Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt“ veröffentlichte sie eine Invektive gegen die Gesamtheit progressiver Parteien und Bewegungen in Deutschland. Als Feindbild dient ihr dabei der „Linksliberalismus“, nach Wagenknechts Erkenntnis „eine relativ junge geistig-politische Strömung“, die erst in den letzten Jahrzehnten gesellschaftlichen Einfluss gewonnen hat.“(S. 12). Wagenknecht sieht in ihr eine überhebliche, „illiberale Denkströmung“ und glaubt sich einig unter anderem mit Noam Chomsky, Mark Lilla, Joanne K. Rowling und Salman Rushdie, die im Juli 2020 einen „Brandbrief gegen die linksliberale Intoleranz und Illiberalität“ verfasst hätten.
Wer Wagenknecht so weit folgen kann – und das scheint die Mehrheit der Rezensenten zu sein – wird ihr wohl auch weiterhin genüsslich schwelgend folgen. Für mich hingegen ist der Genuss getrübt, wenn schon am Anfang das Buch auf einer schiefen Definition aufgebaut wird und Wagenknecht dafür große Namen in Anspruch nimmt, die nie solchen haarsträubenden Unsinn geäußert haben.
– Tatsächlich hat der Linksliberalismus hat in Deutschland eine lange und wichtige Tradition, vor allem in der ersten Jahren der Weimarer Republik (Stichwort DDP).  Wagenknecht betreibt hier eine mutwillige Begriffsverwirrung, der ich nicht folgen möchte.
– Chomsky, Lila, Rowling und Rushdie wenden sich in ihrer Erklärung nicht gegen den Linksliberalismus, wie Wagenknecht suggeriert. Sie setzt wohl fest darauf, dass ihre gutgläubigen Leser nicht in der Lage sind, das englische Original zu lesen.
Neben der Umdefinition des Begriffs „Linksliberalismus“ hält Wagenknecht zur Komplettierung des Feindbildes noch eine Neuschöpfung bereit: „Lifestyle-Linke“, also eine soziale Schicht von Bessergestellten, die sich als „urban, divers, kosmopolitisch, individualistisch – links“ definieren.

Frau Wagenknecht und das Volk

Ich überlege kurz, ob ich auch unter dieses Klischee falle. Ich entstamme bescheidensten kleinbäuerlichen Verhältnissen und habe die längste Zeit meines Lebens mit materiellen Sorgen kämpfen müssen, wie die meisten Menschen in meinem Umfeld. Trotzdem bin ich urban, divers, kosmopolitisch und individualistisch geworden, wie viele andere auch. Nur links bin ich, im Gegensatz zu Frau Wagenknecht, nicht. Und vor allem nicht reaktionär. Etwas bürgerlich bin ich, aber nicht konservativ oder rechts genug, um Wagenknecht zuzujubeln.
Ich glaube, Frau Wagenknecht würde es gut tun, für einige Zeit die politisch-publizistische Blase zu verlassen und sich unter das „Volk“ zu mischen, jene Spezies für die sie auf allen Kanälen kämpferisch und mit scharfer Zunge streitet. Sie würde dann vielleicht auch entdecken, dass die individuellen Identitäten der Menschen nicht gesellschaftlichem Zusammenhalt und Gemeinsinn entgegenstehen, sondern – anders als vielleicht in den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts – der Respekt für die Diversität eine Voraussetzung für den Zusammenhalt ist.

Kooperiere mit niemandem

Nun gut, ich werde mich weiter durch das Buch hindurchquälen, denn es verspricht ja noch einen zweiten Teil, der als „Programm für Gemeinsamkeit, Zusammenhang und Wohlstand“ angekündigt ist. Ich platze geradezu vor Neugier, mit wem denn Wagenknecht außer mit sich selbst (und vielleicht ihrem Ehemann) noch glaubt, Gemeinsamkeiten entwickeln zu können. Nachdem Sahras eigene handgestrickte linke Bewegung „aufstehen“ erfolglos vor sich hindümpelt, hat sie bestimmt neue, Erfolg versprechende Vorschläge in der Hinterhand. Vielleicht hat sie ja dazugelernt und andere Rezepte entwickelt als das ewige „kooperiere mit niemandem und verurteile sie alle“. Bisher hatte ich eher den Eindruck einer großen Kluft zwischen verbalem Anspruch und politischer Praxis: Während Wagenknecht es sich bei keiner Gelegenheit nehmen lässt, mit scharfen Worten die soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Spaltung in Deutschland zu geißeln, bekämpft sie gleichzeitig jede Möglichkeit einer praktischen Mehrheitsbildung links der Mitte. An der mühsamen Kleinarbeit  im Interesse von Maßnahmen wie steuerlichen Erleichterungen für die sozial benachteiligten Bevölkerungsschichten, an der Durchsetzung von mehr Lohngerechtigkeit und an besseren Bildungs- und Aufstiegschancen für Kinder aus armen Familien ist sie in der Praxis vollkommen desinteressiert. Das würde ja bedeuten, dass sie sich zu einer Zusammenarbeit und Konsensbildung mit den verhassten progressiven Milieus bereit finden müsste. Denn um Veränderungen herbeizuführen, bedarf es der Organisation von Mehrheiten und nicht nur Rechthaberei.

Die Königin der Talkshows

Das Buch, soweit ich es bisher gelesen habe, ist eine Erbauungsliteratur für Leser, die unter der vermeintlichen links-grün-versifften Meinungsführerschaft leiden und nun goutieren, wie gegen diese – scheinbar geistreich, auf jeden Fall aber rhetorisch machtvoll – ausgeholt wird, zumal von einer Kronzeugin, die den Ruf hat, selbst weit links zu sein. Es ist die schiere Lust am Reaktionären, die hier von Wagenknecht bedient wird. Für Wagenknecht springt dabei ebenfalls einiges heraus: Noch mehr Talkshow-Termine, Gastbeiträge in Medien, und jede Menge Publicity auf dem Boulevard. Es gibt für Wagenknecht definitiv einen Markt. Und in dem Wettrennen mit Boris Palmer hat sie jetzt wieder die Nase vorn.


 

https://taz.de/Neues-Buch-von-Sahra-Wagenknecht/!5764480/

https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-clip-4-194.html

Für eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema Identität empfehle ich
Fukuyama, Francis: Identität: Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet, Hamburg 2019

 

Maria Kalesnikava

Maria Kalesnikava 2020-08 Heute, am 04.08.2021, beginnt der Prozess gegen Maria Kalesnikava in Minsk/Belarus. Kalesnikava ist die von ihr selbst gewählte Transkription des weißrussischen Namens; auf Russisch heißt sie Мария Александровна Колесникова / Marija Alexandrowna Kolesnikowa. Aufmerksam wurde ich auf sie erstmalig im Sommer 2020, als ich im Fernsehen Bilder von den großangelegten Demonstrationen in Minsk gegen die mutmaßlich gefälschte Wiederwahl von Lukaschenko sah. Videoaufnahmen zeigten eine fröhlich singende Frau mit kurzen, blond gefärbten Haaren, die den Protestzug mit anführte. Maria Kalesnikava weiterlesen

Nasrin Sotudeh

HeuteLibérez Nasrin Sotoudeh!-cut findet im Iran die Präsidentenwahl statt. Es stehen nur Kandidaten zur Wahl, die vom Wächterrat akzeptiert wurden, sodass die Menschen nicht wirklich über eine politische Richtung entscheiden können. Ich nehme dieses Ereignis zum Anlass, über Nasrin Sotudeh (نسرین ستوده) zu berichten, eine Juristin, die wegen ihres gesellschaftlichen Engagements im Gefängnis sitzt. Nasrin Sotudeh weiterlesen

Völkermord

Der „Herero-Aufstand“

Herero chainedJetzt, im Mai 2021, ist es offiziell: Die Bundesregierung erkennt den Völkermord an den Herero und Nama in der Zeit von 1904 – 1908  im heutigen Namibia als Völkermord an. Deutschland und seine diversen Regierungen und Regime haben das Thema weit über 100 Jahre vor sich hergeschoben. In meinem Gedächtnis klingt die Sprachregelung nach, die für diese Gräueltaten in Westdeutschland galt: „Herero-Aufstand“. Völkermord weiterlesen

Pandemie – ein Rückblick

Es wird alles besser

Die Feigheit der Regierenden

Ich bin pandemiemüde. Viele Menschen sind pandemiemüde. In den letzten Monaten habe ich inständig auf einen harten Lockdown gesetzt, in der Hoffnung, dass dies der Auftakt zu einer Normalisierung der Lebensverhältnisse sein möge. Diese Hoffnung hat die Schar der deutschen Provinzfürsten regelmäßig durchkreuzt. Stattdessen hat man die Bevölkerung mit einer endlosen Abfolge zielloser und halbherziger Maßnahmen zermürbt. Kaum jemand hatte noch einen Überblick über die geltenden Regeln.  Irgendwann wird man in Berlin einmal ein Denkmal für die Opfer des Föderalismus errichten. Vielleicht waren die Regierenden auch einfach feige und haben vor den Lobbys gekuscht. Möglicherweise waren sie darüber hinaus auch vom Protest der Straße eingeschüchtert. Pandemie – ein Rückblick weiterlesen

Wir sind Wissenschaftler. Holt uns hier raus

Hoch geschult und hoch peinlich

Nach der Aktion #allesdichtmachen ist pünktlich zum Fest des Heiligen Geistes eine weitere Gruppe aus der Blase der Superprivilegierten an die Öffentlichkeit getreten: wissenschaft4#allesdichtmachen. In einer Presseerklärung heißt es: „Für jede Demokratie muss es ein mehr als schrilles Warnsignal sein, wenn nicht frei gedacht, gesprochen und geschrieben werden darf.“ Wovon ist hier die Rede? Belarus? Myanmar? Worauf sollen wir das Adjektiv „schrill“ beziehen? :-\  Manche der Beiträge sind in einem etwas ruhigeren, betont vernünftigen Ton gehalten, während andere wiederum vollkommen trallala sind („linke Gesinnungsdiktatur“).

Jana aus Kassel ihre Schwester

Eine Tante aus dem Kreise der besorgten Wissenschaffenden outet sich als die Schwester von Jana aus Kassel. Sie zieht aber keine Parallele zu Sophie Scholl oder Anne Frank, sondern zu Giordano Bruno. Der war ja auch Wissenschaftler. Da muss ich Tante sehr enttäuschen: Ich drohe ihr nicht mit Verbrennung. Ich habe aber auch keine Lust auf noch mehr Fremdschämen. Es bereitet mir große Pein, mitzuerleben, wie Hochschullehrende und andere Gelehrte sich bemühen, ein abstoßendes, menschenverachtendes Machwerk zu imitieren, von dem selbst viele Befürworter zugeben, dass es misslungen ist.

Ich beschränke mich darauf, Jana ihrer Schwester ein kleines Ständchen zu bringen:

Und hier, statt eines Shitstorms, noch ein Ständchen für die Onkelz und Tanten von der erlesenen Gesellschaft (On leur montre not‘ cul et nos bonnes manières):

Nachtrag: Ich habe mir noch weitere Beiträge auf der Playlist angeschaut. Es ist eine Wunderkammer für Voyeure. Zu was für Verzweiflungstaten Menschen bereit sind, um in eine Talkshow eingeladen zu werden! Aber so wird das nichts. Mein Tipp: Versucht es beim nächsten Mal mit Boris Palmer. Oder mit dem Wendler.

Meine Cancel Culture

Raus aus meinem Wohnzimmer!

Am 23. April 2021 wurde eine Website mit dem Titel „allesdichtmachen“ veröffentlicht, die kurze Videoclips von über 50 Schauspielern präsentierte; die Seite nahm Bezug auf die aktuelle Coronapolitik der Regierung(en) und die Darstellung in den Medien. In einem Tonfall, der satirisch wirken sollte, sprechen die Darsteller Statements aus, die an bekannte Narrative der rechten Szene und der „Querdenker“ anschließen und den Kampf gegen die Pandemie ins Lächerliche ziehen.  In äffenden Posen werden vulnerable Menschen, die sich zu schützen versuchen, als dämliche Untertanen verspottet. In dem markantesten Clip dieses „Kunstwerks“ ist zu sehen, wie der Schauspieler Richy Müller parodierend abwechselnd in zwei verschiedene Plastiktüren ein- und ausatmet. Meine Cancel Culture weiterlesen

Vegan for Shit

Ein (fast) neues Gesicht in der Szene

Bei den sogenannten Hygiene-Demos gegen die Maßnahmen der Behörden zur Pandemiebekämpfung in der Corona-Krise traten viele seit Jahren einschlägig bekannte Protagonisten der Verschwörungstheoretiker-Szene auf. An vorderster Stelle gesellte sich jetzt aber ein Prominenter hinzu, den man bisher vor allem als Autor von Vegan-Kochbüchern kannte: Attila Hildmann. Attila Hildmann kocht auf dem Veggie Street Day Dortmund 2010-08-14 (bearbeitet) Ich will es nicht unternehmen, hier Hildmann zu zitieren. Mit einer einfachen Google-Suche kann man eine Unmenge an Statements auffinden, die im Wesentlichen dem Prinzip folgen, dass die Bindekraft extremer Behauptungen für eine Gemeinde umso stärker ist, je unplausibler und wahnhafter diese sind. Ich weiß auch kaum etwas über Hildmanns Persönlichkeit und seine Biografie. Wie meine verstorbene Mutter sagte: „Da sieht man nicht dahinter.“

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Infodemie

Aufruf an die sozialen Medien

Wir haben es in diesem Moment allerdings nicht nur mit der COVID-19-Pandemie zu tun, sondern auch mit einer weltweiten “Infodemie”, bei der durch Fehlinformationen, die sich in den sozialen Medien viral verbreiten, auf der ganzen Welt Menschenleben gefährdet werden. 

Mit dieser Warnung wenden sich Ärzte und Virologen weltweit an Unternehmen wie Facebook und Twitter und fordern diese auf, stärker gegen Falschnachrichten vorzugehen.

Der vollständige Text des Aufrufs kann hier nachgelesen werden:
https://secure.avaaz.org/campaign/de/health_disinfo_letter/ (Deutsch)
https://secure.avaaz.org/campaign/en/health_disinfo_letter/?slideshow (Englisch)

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Adelung durch Herkunft

Ein Facebook für die Lebenden und die Toten

Vom TV-Moderator Ilja Richter wird berichtet, dass er auf den Versuch, ihn als schwul zu outen, berlinerisch-souverän reagiert habe mit den Worten: "Dit adelt".

Dezember 2019. Auf dem  privaten Nachrichtenkanal N-TV laufen täglich Werbespots für den DNA-Test-Anbieter MyHeritage.  Das israelische Startup lockt mit einem „DNA-Festtagsangebot“ von 38% Rabatt. Ihre DNA offenbart Ihr Large MyHeritage logoeinzigartiges Erbgut — die ethnischen Gruppen und geographischen Regionen, aus denen Sie stammen. Seitdem derartige Gentests für den Normalbürger bezahlbar wurden, erfreuen sich solche Angebote einer wachsenden Popularität, insbesondere im Zusammenhang mit Ahnenforschung.

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