Abendland

Wie man im Namen des Abendlandes dem Westen den Krieg erklärt

Wenn ich als Kind das Wort „Abendland“ hörte, klang es romantisch in meinen Ohren. Das Wort evozierte Bilder von einer heimeligen Landschaft mit Kirchtürmen, Burgen in der Abendsonne und Anklängen an alte Rittersagen.  Wenn ich heute in Wörterbüchern nach fremdsprachigen Übersetzungen für „Abendland“ suche, finde ich nur Wörter mit der Bedeutung „Westen“ oder „Okzident“. Ursprünglich war „Abendland“ eine Bezeichnung für den westlichen Teil Europas – insbesondere den ehemaligen Einzugsbereich des mittelalterlichen Frankenreichs – und diente zur Abgrenzung von den islamischen und christlich-orthodoxen Herrschaftsbereichen. Im 20. Jahrhundert, in der Zeit des Kalten Krieges war „Abendland“ in Deutschland ein Synonym für die westliche Welt: das nichtkommunistische Europa und Nordamerika, als Gegensatz zum „Bolschewismus“.

Seit dem Jahr 2014 macht in Deutschland eine Bewegung mit dem Namen „Pegida„, kurz für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ Schlagzeilen. Die Aufmärsche der Bewegung haben ihren Schwerpunkt in Dresden, in einer Region im Osten, die zur Zeit Karls des Großen noch nicht zum Reich gehörte. Für mich als Rheinländer könnte es so klingen, als ob die Sachsen – die damals von Karl brutal bekämpft wurden – heute für uns Westler in den Kampf ziehen wollten. Denn wir sind hier so Abendland, wie man nur Abendland sein kann. In unserer Region liegt die Kaiserstadt Aachen und ein paar Kilometer dahinter lag im heutigen Herstal eine der Hauptresidenzen der Merowinger und Karolinger. Karl sprach eine frühe Form des Dialekts, mit dem auch ich aufgewachsen bin.

Die Slogans und Ansprachen bei den Aufmärschen von Pegida hingegen sind für westlich denkende und empfindende Menschen eine große Ernüchterung: Die Inhalte sind aggressiv antiwestlich, antieuropäisch und prorussisch. Angeblich soll anfangs der Name „Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlandes“ („Pegada„) im Gespräch gewesen sein. (Weiß S. 219 f.) . Mit dieser letzten Verschiebung hat sich die Verteidigung des „Abendlandes“ letztlich von allen historischen Spuren gelöst, die im Mythos noch enthalten gewesen sein mögen. Von seinen römisch-lateinischen Wurzeln ist mit dieser Drehung nach Osten nichts mehr übrig geblieben (Weiß S. 186).

Antiwestliche Ressentiments sind ein fester Bestandteil rechter Ideologie. Der Westen steht für (angelsächsischen) Liberalismus, (jüdischen) Kosmopolitismus, (französischen) Republikanismus und Egalitarismus. Einer der Vordenker der Neuen Rechten, Ernst Nolte, prägte folgerichtig den Begriff der „Okzidentose„: Verwestlichung als Krankheit, möglicherweise ansteckend. „Pegida“ ist von seinen Ursprüngen her nicht nur russlandorientiert, sondern ist auch fest im extrem rechten Lager mit dessen antiwestlicher Ideologie verdrahtet.  Der Begriff „Abendland“ dient somit lediglich als Trägerelement für beliebige Inhalte, ist also nichts als ein Kampfbegriff, dessen Bedeutung geradezu willkürlich geändert werden kann (Weiß S. 186).

Wenn mir heute das Wort „Abendland“ begegnet, läuten vom heimeligen Kirchturm nicht die Abendglocken, sondern die Alarmglocken, denn die Feinde der offenen Gesellschaft rufen zum Sturm. Sie schreien, sie seien das Volk und wollten sich unser Land „zurückholen“. Ich aber bin froh, dass die Amerikaner seinerzeit den Krieg gewonnen haben. Sie haben uns die Demokratie aufgezwungen, und Deutschland ist jetzt wieder ein westliches Land – wie zur Zeit Karls. Das soll auch so bleiben.


Zum Weiterlesen:

Weiß, Volker: Die autoritäre Revolte. Die NEUE RECHTE  und der Untergang des Abendlandes, Stuttgart 2017 (Klett-Cotta)

https://www.welt.de/geschichte/article136100030/Abendland-als-Kampfbegriff-gegen-Byzanz-und-Islam.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Abendland