Das Güllefass

Die Etiketten der Schwindler

Ich habe einen Bekannten, der es fertigbringt, wenn man ihn nicht stoppt, in Gesellschaft lauthals den kompletten Vorrat an gängigen rechtspopulistischen Parolen herauszurufen. Wenn er die Irritation von Anwesenden bemerkt, fügt er eilig hinzu, er sei „links“ und sein politisches Ideal sei „die Wagenknecht“.

PifffaassDas ist die Sache mit dem Güllefass.  Das Güllefass ist dazu da, die Fäkalien von Mensch und Tier auf den Acker auszubringen. Jetzt stellt euch vor, ein findiger Bauer bringt auf dem Fass ein Schild mit der Bezeichnung „Speiseöl“ an. Er fährt mit seiner Gülle auf den nächstgelegenen Marktplatz und bietet sein Speiseöl zum Abzapfen an. Man mag das Etikettenschwindel nennen, aber es gehört zum rechtspopulistischen Grundwerkzeug und findet in manchen Bevölkerungsschichten Anklang. Viele Menschen aber finden auch, dass es den Salat nicht lecker macht.

Andere wiederum möchten nicht, dass Deutschland weiter Flüchtlinge aus muslimischen Ländern aufnimmt. Sie begründen dies mit der Sorge um die Toleranz in unserer Gesellschaft. Es bestehe die Gefahr, dass durch den Zuzug von Muslimen die Stellung der Frau in der Gesellschaft verschlechtert und die mühsam erkämpfte Toleranz gegenüber LGBT-Menschen, insbesondere Schwulen, gefährdet werden könnte. Man führt offene oder latente Intoleranz gegenüber Homosexuellen und Überfälle auf LGBT-Menschen an. Das sind Dinge, die zu Recht diskutiert werden und zu Konsequenzen führen müssen. Als Grundlage, um Schutzsuchenden und anderen Migranten Aufnahme zu verweigern, taugt es nicht. Was aus dem Fass überläuft, riecht streng nach Islamophobie. Deklariert ist der Fassinhalt jedoch als „Toleranz“.

Demonstration Chemnitz 2018-08-27Es geht auch drastischer. Im August und September 2018 kam es in Chemnitz und Köthen zu aggressiven Aufmärschen und Ausschreitungen „besorgter Bürger“ und gewaltbereiter Rechtsextremisten, nachdem in beiden Städten Flüchtlinge direkt oder indirekt in Auseinandersetzungen jeweils den Tod eines Menschen verschuldet hatten. Die Aktionen, zu denen sich gut organisiert das Who’s who der Rechtspopulisten und Neonazis zusammengefunden hatte, trugen das Etikett „Trauermarsch“. Einige tausend Bürger, wie es hieß: aus der Mitte der Gesellschaft, kamen hinzu, um sich aus der großen Zisterne ihr Speiseöl abzuzapfen. Wohl bekomm’s!

In Dresden fährt seit 2014 die Organisation Pegida mit einem Jauchefass durch die Stadt. Auf den Versammlungen der Organisation werden von Rednern und Teilnehmern menschenfeindliche Parolen ausgegeben. Bei einer Veranstaltung im Juni 2018 wurde die Seenothilfe für Migranten angeprangert. Die Menge grölte dazu: „Absaufen, absaufen!“. Das bekannteste Motto von Pegida lautet: „Gewaltfrei und vereint gegen Glaubens- und Stellvertreterkriege auf deutschem Boden“. Das Fass, das jeden Montag durch die Stadt gezogen wird, trägt also das Schild „Gewaltfrei“.

Was mich umtreibt und den Anlass für diesen Blog gegeben hat, ist meine Beunruhigung durch den weltweiten Rechtspopulismus, der seit einigen Jahren auch bei uns verstärkt sein Unwesen treibt. Auffallend ist dabei die häufige Umkehrung von Begriffen. Natürlich werden auch von anderer Seite Fässer mit irreführender Beschilderung durch die Stadt und übers Land gezogen. Dies geschieht zum Beispiel, wenn Maßnahmen beschlossen werden, mit denen ganze Bevölkerungsschichten sozial deklassiert werden. Auf manchen dieser Fässer klebt das Schild „Reform„. Aber das ist ein anderes Thema.


Kann ich also politische Standpunkte, die den meinen entgegengesetzt sind, pauschal als Jauche bezeichnen? Nein, dazu habe ich kein Recht. Denn Leute gibt es, wie man hier zu sagen pflegt, "solche und solche". Manchen höre ich zu, auch wenn es mich anstrengt; manchen aber muss ich auch nicht zuhören, je nachdem, was für Vokabeln fallen und in welcher Lautstärke.